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Leben im Ausland – Was verändert sich?

Der Titel dieses Beitrags lautete beinahe so: Wie alles seinen Anfang nahm: Abenteuer Au Pair – 1 Jahr Leben im Ausland  und wie das alles verändert hat. Leider viel zu lang. Dennoch aber so passend.

Als ich 19 war, zog es mich für 1 Jahr nach Irland. Ich arbeitete in einer mittelgroßen, grau-grünen Stadt als Au Pair. Reiste an vielen Wochenenden durch das Land und knüpfte enge und innige, internationale Freundschaften. Dieses eine Jahr veränderte alles.

Heute – 11 Jahre später – schaue ich auf dieses eine irische Jahr noch immer zurück als eines der besten meines Lebens. Wer auch immer, also überlegt ins Ausland zu gehen, sollte es unbedingt ausprobieren.

Warum ist das aber eigentlich so? Warum verändert einen das Leben im Ausland so? Dürfte es nach einer Eingewöhnungszeit nicht ähnlich sein wie in der Heimat? Ja und Nein.

Alltag im Ausland

Natürlich ensteht auch im Ausland ein Alltag. Bei mir als Au Pair war dieser sogar ziemlich geordnet und kaum wandelbar.

Aufstehen: 6:30 Uhr – Frühstück machen: 07:15 Uhr – Kinder zum Schulbus bringen: 8:00 Uhr – danach: Küche aufräumen, Betten machen, Bügeln, Sprachschule, Briefe nach Hause schreiben, Erstes Kind kommt von der Schule: 14:00 Uhr, Mittagssnack (beinahe 1 Jahr immer nur Toast mit Butter) zubereiten, Zweites Kind kommt von der Schule: 15 Uhr, Hausaufgaben machen, Spielen, Abendbrot zubereiten: 17:30 Uhr – Essen: 18:00 Uhr, Papa kommt von der Arbeit: 18:30 Uhr, Feierabend: 19:00 Uhr – kommt Papa nicht von der Arbeit: Babysitten bis ungefähr 1 Uhr (zum Glück gibt es in Irland eine Sperrstunde..)

Die Wochenenden waren selten so durchstrukturiert. Wenigstens jedes 2. Wochenende zog es mich nach Dublin. Viele weitere Wochenenden fuhr ich mit anderen Au Pairs quer durchs Land. Wir schauten uns die schönsten Ecken des Landes an, zogen durch die Pubs, kochten viel zu salzige Spaghetti in abgeranzten Hostels, tanzten durch die Nacht, erzählten Geschichten von der eigenen Heimat (…)

Leben im Ausland. Drogheda. Irland

Meine Heimat für 1 Jahr – Drogheda

Was verändert dich?

Was davon hat nun aber mein Leben verändert? War es die große Verantwortung für die beiden Kinder? Das plötzliche auf eigenen Beinen stehen? Die große Freiheit mein Leben selbstzubestimmen? War es der Kontakt zu den Einheimischen? Das Entdecken einer ganz neuen Kultur und Tradition? Waren es die vielen verschiedenen Blickwinkel, die durch den Kontakt mit den Iren selbst, aber eben auch mit den anderen Au Pairs aus aller Herren Länder entstanden sind? Die viele Zeit zum Nach- und Überdenken? War es die Notwendigkeit alle Konflikte, Spannungen, Probleme selbst lösen zu müssen?

Die Antwort lautet: Ja, ja und ja! Das alles hat mich verändert.

Kulturelle Identität – Wer fühlt wie du?

Das Leben im Ausland, ist trotz eines Alltags, einfach anders als in der Heimat. Das liegt allein schon daran, dass wir eine andere kulturelle Identität besitzen. Europa hin oder her – schon in Ländern, die nur eine Flugstunde entfernt sind, tickt das Leben einfach anders. Sei es das Essen, die Musik, Feiertage, Wohnstile, Arbeitsbedingungen, medizinische Versorgung und und und.

Nach vielen Wochen ohne greifbaren Kontakt zur Heimat, kann es ein Balsam für die Seele sein, wenn du auf einen Menschen triffst mit dem du über Loriot lachen kannst, der den Geschmack von frischem Mischbrot mit Käse und Wurst genau so auf der Zunge spüren kann wie du selbst, der mit dir in so abstruse Liedtexte wie „Schön ist es auf der Welt zu sein, sagt die Biene zu dem Stachelschwein“ oder „Sag mal wo kommst du denn her? Aus Schlumpfhausen bitte sehr.“ einstimmen kann.

Die eigene kulturelle Identität ist also tief verankert und plötzlich kommt so viel Neues auf einen zu. Es gilt also Augen und Herz aufsperren und den eigenen Horizont erweitern. Wunderbar! Man kann sich vieles aneignen. Oder überdenken. Oder eben auch einfach nur für gut oder schlecht befinden. Man kann sich manchmal aber auch ganz schön einsam fühlen. Oder frustriert – weil man versucht anderen Kulturen, die eigene nahe zu bringen und dabei auf wenig Interesse stößt. Wie auch immer – das Selbstbewusstsein und die Selbstreflektion wachsen stetig.

Der Blick von außen

Zudem bekommt man einen guten Blick von außen. Und dieser ist unglaublich wichtig. Dafür muss man nicht unbedingt im Ausland leben. Schon nach unserer 4 wöchigen Reise durch Vietnam und Kambodscha, bin ich anders heimgekehrt als ich gegangen bin. Eine längere Zeit im Ausland verstärkt den Blick allerdings natürlich.

Ich bin der Meinung vielen Menschen würde es gut tun einmal wirklich zu reisen und in den Alltag von anderen Ländern einzutauchen. Gerade wenn es sich dabei um Länder handelt, denen es finanziell nicht so gut geht wie uns, werden die eigenen Erste-Welt-Probleme plötzlich nicht nur ganz klein, sondern mitunter so nichtig. Denke ich da nur an all das was z.B. in deutschen Büros so vor sich geht: Mißgunst, Mobbing, Macht-Ausspielerei. Was hier für Konflikte entstehen, ist das Unwesenstlichste der Welt. Teilweise so dumm, dass man nicht weiß ob man lachen oder weinen soll. Gut also, wenn das Reisen den Blick verändert und man weiß was wirklich wichtig ist.

Der Blick von außen lässt uns anders von der eigenen Heimat denken. Manches was man früher schlecht geredet hat, besitzt plötzlich unglaublichen Wert (zum Beispiel der Fakt, dass wir jederzeit kostenfrei zum Arzt gehen können.). Manche Dinge waren einen früher vielleicht nie wirklich bewusst. Wieder andere stellen wir in Frage. So oder so. Einiges davon kann das eigene Leben sehr beeinflußen und verändern.

Leben im Ausland. Festhalten oder Loslassen

Festhalten oder Loslassen?

Kein Weg ist lang mit einem Freund an der Seite

Das Haus in dem ich in Irland wohnte und arbeitete, lag etwas abseits der Stadt. Der Weg dorthin führte immer gerade aus und fühlte sich alleine ewig an. Dann aber fügte sich das Schicksal und nur ein paar Häuser entfernt von mir zog ein anderes Au Pair ein. Es dauerte gerade mal einen Abend und schon zog sich ein festes und enges Band um uns – welches bis heute besteht. Von da an liefen wir die Straße in die Stadt oft gemeinsam und ehe wir uns versahen, waren wir auch schon dort. Dieser Weg wurde für uns beide ganz bezeichnend, denn alleine war er wirklich schrecklich zu laufen. Das Sprichwort Kein Weg ist lang mit einem Freund an der Seite zeigte sich uns mehr als nur wortwörtlich. Aber auch übertragend gesehen: Denn trotz all der schönen Seiten die Irland bereit hielt, gab es auch unglaublich viele holprige – gerade was das Leben in einer fremden Familie ausmacht. Zusammen fühlte es sich für uns aber so viel leichter an.

Was sich mir in Irland zeigte: Zu den Menschen, die ich in mein Herz ließ – oder die bereits darin verweilten, wurde die Bindung enger und intensiver als jemals gedacht.

Bevor ich nach Irland ging hatte ich große Angst, dass sich an meinen Freundschaften etwas ändern, mehr noch: das wir uns aus einander leben würden. Trotzdem wir vor 11 Jahren nur 1x wöchentlich Kontakt übers Internet halten konnten (dafür aber noch Briefe schickten), wurden meine Herzensfreundschaften enger und inniger als zuvor. Denn auch wenn die Freunde der Heimat nicht vor Ort waren: Auch sie machten den manchmal beschwerlichen Weg kürzer und schöner.

Freundschaften, die im Ausland geschlossen werden oder das Ausland „überleben müssen“ können sowas von über sich hinaus wachsen! Eine wunderbare Lebenserfahrung!

Sich selbst besser kennenlernen – und gern Zeit mit sich selbst verbringen

Alleine ins Ausland zu gehen, heißt auch, sich selbst der beste Freund zu sein. Auch wenn man relativ schnell, neue Freundschaften und Bindungen eingeht, so ist das eigene Ich wichtiger als je zuvor. Die meiste Zeit ist man nämlich eigentlich doch mit sich alleine. So ging es mir zumindest. Und das hatte wahrscheinlich wieder etwas mit der kulturellen Identität zu tun.

Mehr noch: Man lernt sich während eines Lebens im Ausland, ganz besonders gut kennen. Ich habe viel über mich selbst gelernt und mich im Grunde auch erst wirklich gefunden. Wer bin ich wirklich? Ohne die alten Einflüsse von Zuhause, bin ich manches neu angegangen, habe ich manches verstärkt, anderes versteckt und vieles neu entdeckt. Und: Ich habe die Zeit mit mir alleine sehr genossen. (Auch wenn es viele, viele Momente gab, die ich lieber mit meinen Freunden geteilt hätte.)

Eine kleine Geschichte zum Mit-Sich-Gut-Allein-Sein-Können:

Als ich zurück in Deutschland war, rief ich von der Stadt aus eine Freundin an, ob sie Lust hätte mit mir shoppen zu gehen. Sie meinte sie hätte keine Zeit und fragte mich mit wem ich sonst noch unterwegs sei. Als ich meinte, ich wäre alleine, war sie zutiefst schockiert. Wie alleine? Ohje du Arme.

Ich erklärte ihr dann das ich das gar nicht schlimm finde. Immerhin war ich gerade ein Jahr allein im Ausland gewesen. Für sie war es eine mittelschwere Katastrophe. Alleine hätte man ja überhaupt keinen Spaß. Ich hingegen verbringe gerne auch mal Zeit mit mir alleine und finde das sogar sehr wichtig.

Lust auf Neues, Exotisches, Anderes

Als mein Jahr in Irland zu Ende war, ging ich zum studieren nach Berlin (bzw. Postdam). Was mir schnell auffiel: Ich war viel mehr an Kontakt zu ausländischen Studenten interessiert, als an deutschen. Nach dem ich in Irland auf so viele besondere, interessante Menschen getroffen bin, wollte ich mehr davon. Nicht immer passierte das so wirklich bewusst, letztlich aber reizt mich bis heute der Kontakt zu anderen Nationalitäten. Drei meiner engsten Freundinnen kommen aus dem Ausland: Italien, Georgien und Usbekistan.

Ich liebe den Kulturaustausch. Und seit meiner Zeit in Irland, gehe ich auch unglaublich gerne auf andere Menschen zu. Alles andere hätte mich in Irland auch ziemlich isoliert.

Der Geschmack der Freiheit

Von all dem was das Jahr in Irland mir geschenkt hat – mehr Selbstbewusstsein, ein noch offeneres Herz, mehr Toleranz und Lebensfreude, war der Geschmack der Freiheit doch das nachwirkendste. Genau aus diesem Grund sind wir so oft auf Reisen. Die Welt entdecken und die eigene Freiheit auskosten, ist für mich das Größte. Auf Reisen können wir selbst über uns bestimmen und jede Tag so gestalten, wie wir es wollen. Wir sehen das Meer, die Berge, wunderschöne Teeplantagen, Karstfelsen, Wüsten oder den Dschungel. Wir treffen auf gütige, lustige, herzliche, fromme oder offene Menschen. Die Welt ist so wunderschön und ich möchte am liebsten alles davon sehen.

Spätestens als ich in Irland an den rauen, ungezähmten Klippen von Moher stand, wusste ich, das genauso ungezähmt mein Drang nach der Welt da draußen ist!

Cliffs of Moher

Die beeindruckenden Cliffs of Moher

Was bleibt?

Es gibt also  einige Dinge, die sich klar beschreiben lassen. Das wesentlichste passiert aber in einem selbst und lässt sich kaum in Worte fassen. Das Glück in Irland gelebt zu haben, wohnt noch immer in mir. Es macht mich stark und gleichzeitig wehmütig. Es ließ mich wachsen, auch weit über mich hinaus.

Das Leben im Ausland ist größtes Glück, aber auch eine Herausforderung an sich selbst. Eine fremde Sprache, in der man – trotz ausreichend Vokabeln – nicht immer das transportieren kann, was man wirklich fühlt, fremde Traditionen, fremde Straßen, fremde Gerüche (…) Oft plagte mich das Heimweh – das Heimweh nach meinen liebsten Menschen, aber auch nach meiner eigenen Kultur. Manchmal nervte mich meine Gastfamilie, manchmal die undichten Fenster, manchmal das blöde Brot (was diesen Namen kaum verdient). Am Ende aber verließ ich das Land mit Tränen in den Augen und einem so schweren Herzen, dass ich dachte es heilt nie.

Das wunderbare Reiseleben – das nahm seinen Anfang in Irland. Was bleibt ist, die Lust auf neue Kulturen, deren Menschen, Essen und Traditionen. Die Lust auf neue Sprachen, auf die schönsten Landschaften und beeindruckensten Kulturstätten. Die Lust auf einen Austausch mit der Welt. Die Lust mich weiter selbst zu verändern und zu entwickeln. 1 Jahr im Ausland  und die Reise ist immer noch nicht zu Ende.

Wie sieht es bei euch aus? Habt ihr auch schon im Ausland gelebt? Wie habt ihr euch dabei gefühlt und wie danach? Ich würde mich sehr über eure Gedanken dazu freuen.

Zum Weiterlesen:

Wie fühlt es sich eigentlich an nach einem Auslandsjahr wieder nach Hause zu kommen?

Blogparade-Gedanken zum Thema „Vom Heimkommen“

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4 Kommentare

  1. Danke für diesen spannenden Einblick. Jetzt im Nachhinein gesehen, wurmt es uns beide sehr, dass wir während unseres Studiums kein Auslandssemester eingelegt hatten. Wir können uns deiner Empfehlung also nur anschließen: Einfach machen, wenn sich die Gelegenheit ergibt. :)
    LG, Romeo

    • Janine sagt

      Romeo, vielen Dank fürs Lesen und deinen Kommentar. Wurmt euch nicht zu sehr. Dafür seid ihr ja jetzt gut unterwegs :-) Und wer weiß was noch so kommt. Dann definitiv die Gelegenheit beim Schopfe packen. Wobei ich zugeben muss, dass ich damals ganz schön Muffensausen hatte und alles am liebsten kurz vorher abgesagt hätte.
      Ich wünsche euch eine schöne Weihnachtszeit.
      LG Janine

  2. Ich werde nie vergessen, wie ich 1992 auf dem Bahnhof stand und nicht in den Zug nach Schweden einsteigen wollte. Ich hatte so einen Bammel. Gut, dass ich es gemacht habe und später noch öfter im Ausland gelebt habe. Niemals möchte ich das missen, auch, wenn es nicht immer ein Zuckerschlecken war.
    Mir geht es wie Dir. Dinge, die hier selbstverständlich sind, weiß ich umso mehr zu schätzen. Vielen Meckerköppen würde es gut tun, mal über den Tellerrand zu schauen. ;-) LG, Ines

    • Janine sagt

      Au ja…das kenne ich auch. Ich hätte am liebsten kurz vorher auch alles abgeblasen. Plötzlich war alles eine Scheiß Idee. Zum Glück hat mir meine beste Freundin in den Hintern getreten und mir „gedroht“ jetzt bloß nicht so dumm zu sein..
      Ja..bei Weitem ist es nicht immer ein Zuckerschlecken..aber im Nachhinein ein so tolles Gefühl, die Probleme gewuppt zu haben. Am Ende muss ich zugeben, bleiben mir doch nur die schönen rosaroten Emotionen. Die dann beim letzten Augenschließen hoffentlich vor meinem inneren Auge an mir vorbei laufen :-)
      Ich bin gespannt wohin es deine Kinder irgendwann verschlagen wird. Hihi.
      GLG Janine

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